Abschaffel forever

Der Abschaffel lebt. Und wie.

Spätestens seit gestern abend dürfte der Abschaffel im Frankfurter Nordend den absoluten Kultstatus erreicht haben. Das ist jetzt, bescheiden wie wir sind, eine maßlose Untertreibung. Seien wir ehrlich: Seit gestern abend gilt die – in Frankfurter Lokalkolorit schillernde – Kunstfigur Wilhelm Genazinos als unsterblich. Warum unsterblich? Weil der Abschaffel einfach nicht totzukriegen ist.

Der Abschaffel lebt. Man muss ihm nur etwas Anständiges zu essen geben.

Das haben wir uns zu Herzen genommen, nachdem uns im Vorfeld Anfragen besorgter Abschaffel-Verehrer erreichten, „ob wir auch genügend Marzipanrollen für das leibliche Wohl“ des Protagonisten bereit halten würden. Nun muss man wissen, dass, erstens, es in Michas Edelfresskapelle aus Prinzip keine Marzipanrollen gibt (Micha: „Kulturloser Leerkalorienfraß!“) und, zweitens, der Ausdruck leibliches Wohl bei Michas auf der Indexliste steht (wegen geistloser Leerphrasendrescherei).

„Marzipanrollen!“, schnaubte Micha indigniert, „kein Wunder ist der Typ so schlecht drauf, bei den Verzehrgewohnheiten“, diagnostizierte ferner „klarer Fall von chronisch übersäuertem Stoffwechsel, pfft, marzipanrolleninduziert“ und verschwand in seiner Edelfressküche, um grünen Spargel zu sautieren, Laugenbrezeln zu backen und einen kernigen Obazda ozubazen, den die Welt noch nicht gesehen, geschweige denn gegessen hat. Drei Stunden später stand auf dem großen Bistrotisch ein Buffet, unter dem sich die Balken bogen vor lauter vollkalorienhaltigem Wohlbehagen.

Auftritt Abschaffel.

Wie erwartet, betrat er entkräftet das Lokal. Die stadtumspannende Vorleserei zu seinen Ehren hatte bereits sichtlich an ihm gezehrt. „Wie, keine Marzipanrollen?“, fragte er mit einem miesepetrigen Blick aufs Buffet. Fast wäre er zum nächsten Discountbäcker verschwunden, da sah er den Spargel mit Eiersoße und Parmesan, die Truthahnscheibchen in Tonnato, roch den knoblauchgeschwängerten Schweizer Wurstsalat, steckte naschkatzig seinen Finger in den feurigen Obazda und – blieb.

Er blieb den ganzen Abend. Es ging ihm gut. Er war kaum wiederzuerkennen, der weltverneinende Griesgram. Während vorne im Lokal Abschaffel Eins gelesen wurde, trieb Abschaffel Zwei sich hinten am Buffet herum, haute sich mehrmals den Teller voll und entdeckte eine ihm bis dato fremde Vorliebe für vollmundige Chardonnayweine. Seine Stimmung hob sich mit jedem Glas. Er soll sogar den einen oder anderen Witz erzählt haben – hinter vorgehaltener Hand, versteht sich, denn er wollte niemandem den Spaß am sauertöpfischen Abschaffel-Nimbus vermiesen.

Spät in der Nacht verließ Abschaffel den Tatort im Oederweg, wohlgenährt (auf gut Frankforderisch: vollgestobbt bis zum Hemdkraache) und bester Dinge (leischd angeduddeld), und wir freuen uns mitteilen zu dürfen, dass dem Abschaffel, wenn er so weiter macht, ein unbegrenzt langes Leben beschieden sein wird. Zumindest seinem lebenslustigen Alter ego.

Übrigens, beim Rausgehen soll er angeheitert geträllert haben:

„Ei, es will mer ned in de Kopp enei,
wie kann e Mensch ned im Oederweesch gewese sei?“

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